Diskussion:AG Kritische Debatte

Aus Orga-Wiki zum Bildungsstreik 2009
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  • Vorwurf lautet, dass Diskussionen im Plenum 'politisiert' werden und sich nicht nur Uni-zentrische Forderungen diskutiert werden, die sich auf pragmatische Realpoltik an unserer Uni beschränken. -> Dominanz von "Linken Gruppen".
  • Wir stehen nicht alleine in dieser Gesellschaft, sind betroffen von den gleichen gesellschaftlichen Entwicklungen und Zwängen wie der Rest.
  • (nicht so zentral aber kontrovers diskutiert) Sich Gedanken machen über die Form in der man Forderungen stellt. Unabhängig agieren statt um Gespräche betteln.
  • Irgendeine Debatte über gesamtgesellschaftliche Zustände sollte stattfinden, kann nicht unterdrückt.


Textfragment, das die Bedeutung einer Gesellschaftskritik im Rahmen der Bildungsproteste herausstellt, verändern und diskutieren erwünscht

Es gibt immer wieder Stimmen, die fordern bildungspolitische Themen von gesamtgesellschaftlichen Fragen zu unterscheiden und eine Systemkritik während der Proteste zu vermeiden. Bildungspolititk kann unserer Meinung nach aber nicht außerhalb gesellschaftlicher Prozesse gesehen werden. Viele Forderungen werden somit unerfüllt bleiben, solange nicht erkannt wird, dass die Entwicklungen nicht vom Himmel fallen, sondern Konsequenzen der Strukturen sind. Unser Wirtschaftssystem folgt dem Marktprinzip. Alles dies wird verfolgt, was Gewinn verspricht und dem Unternehmer Mehrwert. Das entspricht aber häufig nicht den Bedürfnissen der Menschen. So wollen einige Student_innen frei und ohne Leistungsdruck studieren. Das widerspricht aber einer Zielsetzung, die zunehmend im Studium nur eine Ausbildung für einen späteren Beruf sieht. Der Mensch soll genau das lernen, was für sein speziellen Job später notwendig ist, dazu gehört aber keine Grundbildung oder Reflexion. Bildung erscheint als Wirtschaftsfaktor, der für den Standort Deutschland bedeutsam ist. In diesen Kontext gehört auch das Mantra, das Deutschland keine Rohstoffe habe und deswegen in die Köpfe investieren müsse. Die Köpfe werden hier ähnlich wie Rohstoffe betrachtet, als potentiell wachstumsfördernd und renditebringend. Das aber Köpfe auch ein Eigenleben haben und ein Interesse jenseits von Karriere und Aktienmarkt geht dabei unter. Der Einzelne gerät schon in der Uni unter einen Konkurrenzdruck, durch Praktika und gute Noten versucht er sich von den anderen abzuheben. Die Optimierung des eigenen Lebenslauf wird zum Ziel fast aller Tätigkeit. Darunter leiden aber gerade die Bereiche, die sich nicht verwerten lassen. Freies Denken, politisches Handeln und soziale Interaktion (die höchstens noch als social skill in rudimentären Formen gebraucht wird). Die Umstellung auf Bachelor und Master, Studiengebühren und Anwesenheitslisten sind somit nur Ausdruck einer Entwicklung, die das Studium stärker ökonomisiert. Dabei sollte der Staat aber nicht als der Retter erscheinen, der die Uni vor der Wirschaft bewahren könnte. Er beherrscht die Lehrpläne und Ziele des Studiums weit stärker, als es die Unternehmen könnten. Eine wirkliche freie Bildung gab es noch nie. Das sollte uns nicht davon abhalten danach zu streben.


Gegenargument:

Die Hauptkritikpunkte der aktuellen Bildungsmisere sind

a) Die miserabel umgesetzten Ziele des Bologna-Prozesses

b) Die chronische Unterfinanzierung der Universitäten

c) Die fehlende Chancengleichheit bei gleicher Qualifikation

Für Punkt a) sind die Professoren verantwortlich. Für Punkt b) und c) die jeweiligen Länder. Salopp formuliert, für die Inhalte sind die Professoren, für die Finanzierung die Länder zuständig. Die Professorenschaft fühlt sich seit jeher nicht verpflichtet ihre Disziplin im Dienste der Wirtschaft sondern ganz im Gegenteil im Dienste der Wissenschaft zu stellen. Doch weiß die Professorenschft, dass das Studium nicht nur eine rein wissenschaftliche sondern auch eine fachliche Ausbildung ist. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass die Professorenschaft versucht aus Studenten Humankapital für die Wirtschaft zu produzieren. Das halte ich für ideologisch verblendeten selbst konstruierten Unsinn. Die Professoren haben schlichtweg bei der Umsetzung des Bologna Prozesses schlechte Arbeit geleistet. Und unsere größte Chance ist, das Punkt a) deutlich verbessert wird.

Allgemein gilt, Forderungen, um die drei Hauptkritikpunkte zu beseitigen können unabhängig vom bestehenden System gestellt werden. Eine systemkritische Auseinandersetzung hilft uns höchstens zu verstehen, weshalb bestimmte Forderungen nicht erfüllt werden. Aber wir brauchen keine Systemkritik um unseren Protest deutlich zu machen. Die Feststellung, dass die Globalisierung und das kapitalistische Schweinesystem an allem schuld sind erscheint mir einfach zu abgelutuscht und platt.

Arbeitsgruppen Berlin