Berlin/Redebeiträge/Bildungsblock

Aus Orga-Wiki zum Bildungsstreik 2009
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Liebe Demonstrierende, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Wir sind Schüler_innen, Lehrer_innen, Studierende, Lehrende, Auszubildende, Doktorand_innen, Kollegiat_innen, Angestellte, Kinder und Eltern. Und wir alle haben die Schnauze voll von den Zuständen im Bildungssystem.Genauso wie in allen anderen Beschäftigungs- und Lebensbereichen leiden wir unter den herrschenden Verhältnissen.

Wir sagen: Bildung und Wissen sind Grundlagen einer solidarischen und demokratischen Gesellschaft! Wir fordern endlich den freien Zugang zu Bildung für alle zu jederzeit!

Damit geht es uns wie Millionen andere Menschen in Europa und dem Rest der Welt. Und auch dort regt sich Protest! In Italien gingen schon letzten Oktober über eine Million Menschen auf die Straße. Sie protestierten gegen die geplanten Kürzungen der italienischen Regierung im Bildungsbereich. Auch in Italien bekommen die Banken Rettungspakete geschenkt und an der Bildung wird weiter gespart.

In Spanien gibt es seit letztem Jahr massive Kämpfe gegen die neoliberale Umstrukturierung der Hochschulen. Nicht nur die „Bologna-Reform“ macht die Bildungseinrichtungen zu Unternehmen. Die Lernfabrik von heute produziert Abschlüsse am Fließband, um die Menschen für die Wirtschaft verwertbar zu machen. Soziale Selektion ist Mittel zum Zweck.

In Frankreich formiert sich eine breite gesellschaftliche Bewegung gegen das Krisenmanagement der Regierung. Auch hier sind die Beschäftigten im Bildungssystem Teil dieser Bewegung. Sie gehen gemeinsam mit den Studierenden und Schüler_innen zu Millionen gegen die Hochschulreformen auf die Straße. Sie kämpfen für ihre Autonomie, eine ausreichende Finanzierung und faire Arbeitsbedingungen.

Die chronische Unterfinanzierung des Bildungssektors und die neoliberale Umstrukturierung von Bildung haben weitreichende Folgen. Während Banken plötzlich Geld in Massen bekommen, wurde in der Bildung jahrelang ein Sparkurs gefahren. Überfüllte Klassen und Lehrveranstaltungen sind die Folgen. Angestellte müssen auf Gehälter verzichten, Tariferhöhungen werden vorenthalten. Es gibt zu wenige Lehrmittel und Bildung wird zunehmend zu einer Ware, für die diejenigen, die es sich leisten können auch bezahlen müssen – sei es mit Büchergeldern an Schulen oder Studiengebühren. Viele Gebäude fallen auseinander. Schüler_innen werden in Baracken oder Containern unterrichtet. Da hilft auch kein Konjunkturpaket. Die durchgeführten „Reformen“ verschärfen die bestehenden Ungleichheiten nur und dürfen nicht länger still hingenommen werden.

Das mehrgliedrige Schulsystem bildet den Auftakt in einem Bildungsapparat, der auf soziale Selektion und Vereinzelung ausgelegt ist. Das Abitur nach zwölf Jahren und zentralisierte Prüfungen erzeugen Leistungsdruck und Konkurrenzdenken. Inhalte und Interessen geraten in den Hintergrund; selbstbestimmtes Lernen und freie Entfaltung haben hier keinen Platz. Zum Prellbock dieser Entwicklungen werden dann die unterbezahlten Aushilfslehrerinnen und- lehrer.

An den Hochschulen werden demokratische Strukturen der Mitbestimmung abgebaut. An ihre Stelle treten Management-Präsidien, die autoritär bestimmen, wo es lang geht.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leiden unter der zunehmenden Bürokratisierung. Zeit für Lehre und Forschung bleiben auf der Strecke.

Schüler_innen, Lehrer_innen, Studierende, Lehrende, Auszubildende, Doktorand_innen, Kollegiat_innen, Angestellte, Kinder und Eltern. Alle sind von diesen Maßnahmen betroffen.

Dieses Bildungssystem orientiert sich nicht an den Erfordernissen einer solidarischen und demokratischen Gesellschaft. Vielmehr steht die Verwertbarkeit eines jeden einzelnen und einer jeden einzelnen im Vordergrund. Ständige Vergleichsarbeiten, Modulabschlüssprüfungen, das Zentralabitur, gestaffelte Studienabschlüsse, Rankings, Evaluationen oder die Exzellenzinitative führen zu einer extremen Konkurrenz auch zwischen den Schülerinnen und Schülern und Studierenden, ganz im Sinne der wirtschaftlichen Verwertbarkeit.

Wir sind nicht länger bereit, die Profite der Wirtschaft mit unserer Bildung zu bezahlen.

Wir lehnen jede Art von Selektionsmechanismen ab. Das heißt: Weg mit dem mehrgliedrigen Schulsystem, weg mit jeder Art von Gebühren, von der Kita bis zur Weiterbildung, vom Büchergeld bis zu den Studiengebühren.

Wir fordern die Demokratisierung und Stärkung der Selbstverwaltung in allen Bildungsbereichen.

Wir fordern die öffentliche Finanzierung des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft auf Lehrinhalte, Ausbildungsstrukturen und Stellenvergabe.

Bildung muss in allen Lebenssituationen und Lebensabschnitten zugänglich sein. Weg mit den Eliten, wir brauchen Bildung für alle zu jeder Zeit!

Unsere Forderungen nach einem freien und solidarischen Bildungssystem wird die Politik nicht freiwillig erfüllen! Deshalb werden wir im Juni auf die Straße gehen und für ein anderes Bildungssystem kämpfen!

Arbeitsgruppen Berlin